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Bernadetta Kochman Perlen neu entdeckt

Seit fast zweihundert Jahren wurden diese Stücke nicht mehr gespielt. Seit zweihundert Jahren wurden die Noten von niemandem benutzt. Als sie endlich das Tageslicht erblickten, übertraf das Ergebnis alle Erwartungen. Nach dem Konzert im Ballsaal des Schlossmuseums Łańcut am Sonntag, den 10. Oktober 2010, das im Rahmen des Projekts „Łańcuter Musikalien“ von Horizon veranstaltet wurde, wollte der Beifall lange nicht verstummen.

Zunächst herrschten Stille und Erwartung. Schließlich ertönten Geigen, Cello, Klavier. Der große Spiegel über dem Marmorkamin ließ die Musiker und Instrumente noch zahlreicher erscheinen. Der Ballsaal – eines der schönsten Gemächer des Łańcuter Schlosses – erglänzte in von Kristallkronleuchtern tausendfach widergespiegelten Lichtern.

Das Konzert begann mit dem Auftritt der zwei jungen Łańcuter Pianistinnen Julia Ulman und Agnieszka Kopeć. Polnische Musik. Vergangenheit und Gegenwart gehen ineinander über. Mazurkas, Polonaisen, Lieder…

Dieselben Stücke, die die Fürstin Lubomirska einst gehört hatte. Die Noten sammelte sie in Łańcut. Brachte sie sie aus Krakau oder aus Warschau, aus Wien oder aus Paris mit? Eine außergewöhnliche Frau! Welch ein Musikgeschmack! Schließlich holte sie Marcello Bernardini di Capua nach Łańcut und machte ihn zum Hofkomponisten, der für das musikalische Leben der Residenz sorgte.

Lewandowskis Mazurka, Lipińskis und Wrońskis Polonaisen, Mirosław Herbowski am Klavier. Und die Töne strömen…

Diese Musik hat etwas Magisches an sich. Es ist nicht verwunderlich, dass die Łańcuter Sammlung nicht nur mich bezauberte. Ich weiß aus den Erzählungen des Leiters der Museumsbibliothek Tadeusz Baj, dass manche dieser Stücke vor vielen Jahren, während des im Mai stattfindenden Łańcuter Musikfestivals sowie während der internationalen Zenon-Brzewski-Musiksommerkurse in Łańcut gespielt wurden. Dies waren aber lediglich einzelne Stücke.

Manchmal beginnen gute Sachen zufällig. Vor über einem Dutzend Jahren suchten die Flötistin Ewa Bocian und die Harfenistin Joanna Supranowicz während eines Spaziergangs im Łańcuter Park nach Inspiration. Sie fanden sie auch. Bald traten sie in der Rzeszower Philharmonie auf und spielten dabei u. a. die Werke von Krumpholz nach den Noten aus Łańcut.

Die Stücke für Harfe gefielen so sehr, dass sie den Gästen des Grafen Stanisław Potocki und seiner Frau Gräfin Rosa Larco de la Fuente Potocka präsentiert wurden. Aristokraten aus Europa und aller Welt hörten das Konzert während des Treffens der Familie Potocki und deren Freunde im Schloss Łańcut im Sommer 2009. Die Schönheit der Musik wurde durch die einzigartige Innenausstattung des Palast-Theaters und die originalen, vornehmen Damentoiletten zusätzlich gesteigert.

Während Anna Krawczyk im Duett mit Przemysław Winnicki Lieder von Madejski, Lubomirski und Troszel vorträgt, strömen die Töne, strömen die Gedanken…

Der Ballsaal hat schon viele Töne gehört. Könnten die in Stuck gearbeiteten Greife sprechen, würden sie so manche musikalische Geschichte dieses Ortes erzählen… Die Greife werden kein Wort sagen, ich erinnere mich aber an den heißen Juli 2006 und die Wissenschaftliche Konferenz „Musik in der europäischen Kultur“. Anna Wiślińska, damals Doktorantin der Jagiellonen-Universität, begeisterte die Zuhörer mit einem Vortrag, in dem die in der Schlossbibliothek befindliche Musiksammlung der Fürstin Izabela Lubomirska aus dem Hause Czartoryski wieder auflebte. Seit dieser Zeit wurde über die Łańcuter Musikalien mehr gesprochen und geschrieben.

Wer das Schloss Łańcut einmal besichtigt hat, möchte immer wieder hierher kommen. Kaum ein Jahr später (September 2007) kamen Musikwissenschaftler und Musikbibliothekare aus ganz Polen zur Konferenz „Europäische Musikkultur in den polnischen Bibliotheken und Archiven“ nach Łańcut. Jolanta Byczkowska-Sztaba (Nationalbibliothek, Warschau) stellte die Łańcuter Musikalien im Lichte neuer Forschungen dar, und Hubert Wojno (Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität, Warschau) erzählte über die Werke des italienischen Komponisten Domenico Cimarosa aus der Łańcuter Sammlung. Und wieder erklang die Musik, als das Streichquartett „Prima Vista“, anlässlich des 250. Geburtsjahres des Komponisten Ignaz Joseph Pleyel, abends im Ballsaal seine Werke spielte. Man hatte Lust, die Augen zu schließen und sich im Tanz zu drehen; den am Gewölbe des Ballsaales gemalten heiteren Himmel über dem Kopf und die jahrhundertealten, mit Intarsien geschmückten Holzfußböden unter den Füßen.

An Izabela Lubomirska und die Konzerte aus der Zeit vor zwei Jahrhunderten erinnern sich nicht nur die Kristallkronleuchter, Kamine und Spiegel. Auch die Henryk-Lubomirski-Marmorskulptur von Antonio Canova erinnert sich. Hier ist alles von Musik durchdrungen. Im Repräsentationsappartement steht das Giraffenklavier aus Wien. Im Boucher-Salon erinnert die mit Lack und chinesischen Motiven verzierte Harfe aus Paris an die musikalische Vergangenheit dieses Ortes. Und im Turmkabinett, der als die Kleine Bibliothek bezeichnet wird, kann man wohl in seiner Fantasie Rossini und Bernardini oder vielleicht sogar Mozart hören, dessen Werke bei der Musikalienausstellung im Rahmen des Łańcuter Musikfestivals im Mai 2006 zu sehen waren.

Im zweiten Konzertteil tragen die Musiker der Kamerata Krakowska unbekannte Werke von Naumann, Arnold, Kreutzer und Elsner vor. Am Dirigentenpult steht Matthias Hermann – Gründer des Ensembles, Professor der Stuttgarter Musikhochschule. Als Solist im Cellokonzert tritt der in Stuttgart lebende, begabte Künstler russischer Abstammung – Lev Sivkov auf.

Aber vor gar nicht langer Zeit wurden in diesem Raum andere Werke aus der Łańcuter Sammlung gespielt und gesungen; damals begann Grzegorz Oliwa (Universität Rzeszów) sich für sie zu interessieren. Seitdem nahm er zwei CDs mit diesen Werken auf (2007 und 2010). Die erste CD bezaubert zunächst mit Bernardinis Ouvertüren und Sinfonien, um dann mit Haydns und Reutters Messen die Stimmung umschlagen zu lassen. Die andere CD verführt mit Krumpholz’ Harfen-, Contis Violine- und Zumsteegs Cellokonzert.

Das Konzert klingt aus. Es war eine einzigartige Reise in die Zeit der Fürstin Izabela Lubomirska. Es war ein außergewöhnliches Gefühl, die Werke aus ihrer Epoche in den Schlossgemächern zu hören, die sie nach ihrem Geschmack gestaltet und in denen sie lange Jahre gelebt hat.

Beifall, Danksagungen, Blumen…

Und die Ankündigung, dass es nicht das Ende, sondern der Anfang war. Der Anfang groß angelegter Maßnahmen, echte Perlen der Musikgeschichte dem Publikum wieder zugänglich zu machen. Wie gut, dass Beata Płoska, Vorsitzende von Horizon (Krakau) vor einigen Monaten nach Łańcut kam.

Draußen ist es Nacht. Ich gehe in die Dunkelheit hinaus. Ich spüre die durchdringende Kälte des späten Abends. Auf der Schlossbrücke wende ich mich noch einmal um und nehme Abschied von dem hell erleuchteten Schloss – ich sehe die Musik, höre die Musik… Und ich denke, dass diese Musik jetzt, wenn die Noten der Łańcuter Musikalien in einer digitalen Bibliothek verfügbar sein werden, bald ihren Weg in die Salons der Welt findet. Und wir werden sie sicherlich noch häufig hören können.

Bernadetta Kochman – Lehrerin, Bibliothekarin, Journalistin; Chefredakteurin der „Gazeta Łańcucka“ (Łańcuter Zeitung)

Übersetzung: Mirosław Wagner / Matthias Hermann

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