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Józef Elsner

Józef Antoni Franciszek (Joseph Anton Franciskus)[1] Elsner (1769–1854) – einer der herausragenden Vertreter der polnischen Musik der Aufklärung und der Vorromantik; Komponist, Dirigent, Musiktheoretiker, Publizist und Pädagoge. Er nimmt u. a. als Vorläufer der polnischen Nationalbewegung und als Lehrer Chopins, dessen musikalische Begabung er früh entdeckt hat, eine bedeutende Stellung in der Musikgeschichte ein.

Elsner wurde im schlesischen Grodków (Grottkau) geboren, in dem damals zu Preußen gehörenden Teil des Herzogtums Neisse. Er war deutscher Abstammung. Elsner entstammte der lokalen schlesischen Bevölkerung, bei der das Gefühl der Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis vorherrschte und die polnische Tradition nur schwach ausgeprägt war; er erhielt eine deutsche Erziehung, die von einer gewissen Abneigung gegen das Polnische gekennzeichnet war. Zunächst konnte er die polnische Sprache nicht – er erlernte sie erst mit über zwanzig Jahren (nach 1792, d. h. in seiner Lemberger Lebensphase). Der Vater des Komponisten, Franz Michael, betrieb eine Tischlerei und führte u. a. Reparaturen von Musikinstrumenten durch; zugleich zeigte er eine Vorliebe für Gesang und spielte Harfe. Elsners Mutter Anna Barbara geb. Matzke stammte aus Kłodzko (Glatz) und war Tochter eines geschätzten Geigenbauers, der weitreichende Kontakte in Künstlerkreisen hatte.

Józef Elsners musikalische Ausbildung begann in seiner Heimatstadt Grodków, wo er im Rahmen seiner schulischen Pflichten in einem Kirchenchor sang. Schon als Kind zeigte er ein überdurchschnittliches musikalisches Talent und unternahm erste Kompositionsversuche. Ab seinem 12. Lebensjahr setzte er seine Ausbildung in Wrocław fort – zunächst in der Klosterschule der Dominikaner, danach im jesuitischen St.-Matthias-Gymnasium. Dort erhielt er u. a. Unterricht in Violinspiel, Gesang und Generalbass; er bekundete kein besonderes Interesse an der polnischen Sprache, die als Pflichtfach unterrichtet wurde (in diese Zeit fällt jedoch seine erste Begeisterung für das polnische Kirchenlied). Noch vor seinem Gymnasialabschluss wurde er beim Opernchor und Theaterorchester Wrocław beschäftigt. Parallel dazu entwickelte er seine kompositorischen Fähigkeiten; die öffentliche Aufführung seiner (heute verschollenen) Motette Ave Maria fand große Resonanz in den Musikkreisen Wrocławs.

Dank eines Stipendiums der Stadtverwaltung von Grodków nahm Elsner 1788 das Studium an der Universität Wrocław (Leopoldinum) auf – er studierte zunächst an der theologischen, später an der medizinischen Fakultät. Ein Jahr später begab er sich nach Wien mit der Absicht, sein Medizinstudium fortzusetzen, das er jedoch bald nach der Immatrikulation aus gesundheitlichen Gründen aufgab. Begeistert vom regen kulturellen Leben Wiens entschied er sich schließlich, zu seiner musikalischen Karriere zurückzukehren.

Im Herbst 1791 erhielt er eine Stelle als Geiger im Theaterorchester von Brno (Brünn, Mähren), wo er sich auch als Dirigent versuchte. Im Frühling 1792 ging er nach Lemberg (der damaligen Hauptstadt des Königreichs Galizien und Lodomerien unter österreichischer Regierung), um die Stelle des zweiten Kapellmeisters im Orchester des dortigen deutschen Theaters zu übernehmen. An diesem k.u.k. Theater wurden zwei seiner auf deutsche Texte komponierte Opern uraufgeführt: Die seltenen Brüder und Der verkleidete Sultan.

Der siebenjährige Aufenthalt in Lemberg markiert eine Wende in Elsners Karriere. Der Komponist begann, am polnischen Kulturleben aktiv teilzunehmen. In diese Zeit fällt der Beginn seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Wojciech Bogusławski, der nach der Niederlage des Kościuszko-Aufstands Warschau verlassen hatte und 1795 Direktor am Lemberger Theater geworden war. Unter dem Einfluss der Zusammenarbeit mit Bogusławski sowie seiner Ehe mit der Polin Klara Abt[2] begann Elsner intensiv Polnisch zu lernen. Für seine nächsten Opern benutzte er polnische Libretti (in der Lemberger Zeit komponierte er u. a. die Oper Amazonki czyli HerminiaDie Amazonen oder Herminia nach einem Libretto von Bogusławski), und in seinem Instrumentalschaffen griff er immer häufiger Motive aus der polnischen Volksmusik auf. Neben dem Komponieren und der Arbeit am Theater engagierte er sich für die Belebung des Lemberger Musiklebens und gründete u. a. eine philharmonische Gesellschaft unter dem Namen „Akademia Muzyczna“, die in den Jahren 1795–97 regelmäßig Konzerte veranstaltete.

Nach Bogusławskis Rückkehr nach Warschau im Jahr 1799 übernahm Elsner – auf seine Einladung hin – die Stelle des musikalischen Direktors und Dirigenten am Warschauer Teatr Narodowy (Nationaltheater). Dieses Amt übte er 25 Jahre lang aus – anfangs allein, ab 1810 zusammen mit dem „zweiten Musikdirektor“ Karol Kurpiński (die Zusammenarbeit mit Kurpiński verlief aber nicht reibungslos, weswegen Elsner 1824 von der Theaterleitung ausgeschlossen wurde).

Während seiner langjährigen Tätigkeit an der Warschauer Oper brachte er zahlreiche weltbekannte Opernwerke sowie zahlreiche eigene Opern auf die Bühne; unter letzteren sind vor allem zu erwähnen: Sułtan Wampum czyli Nieroztropne życzenie (Sultan Wampum oder Die unbesonnenen Wünsche), Siedem razy jeden (Sieben mal eins) und Andromeda, sowie die in der Geschichte des polnischen Volkes angesiedelten Werke: Leszek Biały czyli Czarownica z Łysej Góry (Leszek der Weiße oder Die Hexe vom kahlen Berg), Król Łokietek czyli Wiśliczanki (König Lokietek oder Die Frauen von Wislica) und Jagiełło w Tenczynie (Jagiello in Tenczyn).

Elsner wirkte in Warschau intensiv im Bereich der Musikausbildung, indem er in den Jahren 1821–31 von ihm selbst gegründete Musikschulen verschiedener Stufen leitete: die Elementarschule für Musik und Dramatische Kunst, das Institut für Musik und Deklamation und die mit der Universität Warschau verbundene Musikhauptschule. In der letztgenannten Schule bildete er viele polnische Komponisten aus, darunter Fryderyk Chopin (von dem er schrieb: „besondere Eignung, ein Musikgenie“), Feliks Ignacy Dobrzyński und den beim Projekt „Digitalisierung Łańcuter Musikalien“ ebenfalls vertretenen Kasper Napoleon Wysocki.

1802 eröffnete Elsner in Warschau die erste Notenstecherei sowie einen Musikverlag, in dem er innerhalb weniger Jahre eine Reihe von Notenausgaben veröffentlichte, u. a. die 24 von ihm redigierten Nummern der Monatsschrift Wybór pięknych dzieł muzycznych i pieśni polskich (Auswahl schöner Musikwerke und Lieder Polens).

Als Musiktheoretiker analysierte Elsner u. a. die Zusammenhänge zwischen den melodischen und metrisch-rhythmischen Merkmalen der polnischen Volksmusik sowie der Intonation und Betonung (Prosodie) der polnischen Sprache. Zu dieser Thematik veröffentlichte er zwei Abhandlungen: Rozprawa o metryczności i rytmiczności języka polskiego – Über metrische und rhythmische Eigenschaften der polnischen Sprache (1818) und Rozprawa o melodii i śpiewie – Über Melodie und Gesang (1830).

Elsner war (Ehren)Mitglied zahlreicher polnischer und europäischer Musikvereine. Er unterhielt umfangreiche Kontakte zu künstlerischen, wissenschaftlichen und Verleger-Kreisen Deutschlands, Österreichs und Frankreichs. Erwähnenswert ist, dass er – wie es bei prominenten Vertretern der Aufklärung üblich war – einer Freimaurerloge angehörte und dort hohe Ämter ausübte.

Der Komponist starb im Alter von 84 Jahren in Elsnerów – einem Gut bei Warschau, das er noch vor dem Novemberaufstand von der Regierung gepachtet hatte (im heutigen Warschauer Viertel Targówek gelegen). Unmittelbar nach Elsners Tod wurde ein Komitee zur Pflege seines Nachlasses gegründet; das Komitee wurde vom Komponisten-Fürsten Kazimierz Lubomirski geleitet, der u. a. Józef Elsners Summarium meiner Musikwerke mit Erläuterungen über meine Arbeit und Tätigkeit als musikalischer Künstler aus dem Deutschen übersetzt hat.

Elsners Tätigkeit in Warschau – insbesondere seine pädagogische Arbeit in den von ihm gegründeten Bildungsinstitutionen – war in hohem Maße von der instabilen und sich allmählich verschärfenden politischen Lage abhängig. Elsner wirkte in einer Stadt, die zunächst zur Provinz Südpreußen, dann zum Herzogtum Warschau und schließlich zum Königreich Polen gehörte, und er war auch Zeuge des Novemberaufstands. In manchen seiner Partituren finden sich zweifelhafte Widmungen, u. a. an Friedrich Wilhelm III. oder an Nikolaus I. Sie entsprachen jedoch den damaligen Sitten und waren häufig auf praktische bzw. finanzielle Überlegungen zurückzuführen. Als Ausdruck von Elsners wirklicher politischer Sympathie kann ohne Zweifel die Widmung der Oper Andromeda an Bonaparte betrachtet werden, der als Freund der polnischen Sache galt, sowie die Komposition der Musik zum lyrischen Einakter Powstanie narodu (Der Aufstand einer Nation) von Franciszek Salezy Dmochowski während des Novemberaufstands.

Das kompositorische Gesamtwerk Elsners ist recht umfangreich, quantitativ mit den Nachlässen der großen Wiener Klassiker vergleichbar. Sein Oeuvre umfasst u. a. 33 Messen (selbständige Teile von Messen inbegriffen), 4 Oratorien und Passionen (darunter das Oratorium Passio Domini Nostri Jesu Christi), 85 Offertorien, Hymnen, Motetten und andere religiöse Werke, 45 Opern und andere Bühnenwerke, 55 Kantaten, 90 Solo- und Chorlieder, 8 Sinfonien, 2 Violinkonzerte, ein Flötenkonzert, über 20 Kammermusikkompositionen und 31 Werke für Klavier (darunter vier Sonaten)[3]. Ein Teil dieser Werke ist verschollen.

Mirosław Płoski
Übersetzung: Mirosław Wagner / Matthias Hermann

[1] Es gibt offensichtlich eine gewisse Verwirrung bezüglich der Vornamen des Komponisten, die – auch in wissenschaftlichen Schriften – vielfach irrtümlich als Józef Ksawery (Joseph Xaver) angegeben werden. Dieser Irrtum ist auf einen Artikel von Wojciech Bogusławski zurückzuführen (siehe W. Bogusławski, Dzieła dramatyczne, Bd 7, Warszawa 1823, S. 11– 30).

[2] Klara Abt war Elsners erste Ehefrau; sie starb 1797. Seine zweite Ehe schloss er 1802 mit der Warschauer Sängerin Karolina Drozdowska (gest. 1852).

[3] Die Anzahl der Kompositionen bezieht sich auf die Zusammenstellung der Werke Elsners in der Studie von Alina Nowak-Romanowicz: Józef Elsner, monografia, Polskie Wydawnictwo Muzyczne, Kraków 1957, S. 265–326.


Werke:

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